Quelle: Reiter Revue International 5/2009, Text und Fotos: Cornelia Höchstetter
Der Erfinder des Reiter Forums: Frank Henning

Polierter Edelstahl: Beim Einzug war´s die
Königsdisziplin, den dreitiligen Bürotisch ins
Dachgeschoss zu hieven. Extravagant der Stuhl,
Henning nüchtern: "Rot wie die Macht".
Wo soll man da jetzt anfangen? Frank Henning, der Mann aus Düsseldorf mit der Schwäche für Schönes und Design, hält für seine Besucher tausendundeine Geschichte parat. Ein Mensch mit so vielen Facetten, offenen und verborgenen. Wer weiß schon, dass dieser geschäftstüchtige Mann frühmorgens am liebsten vor allen anderen im Stall ist? Dass er Cola liebt – „am liebsten aus der Dose, da gibt der Aluminiumgeschmack den letzten Kick“. Er hat eine Lizenz für einen Edeka-Laden, nur damit er palettenweise und preiswert mit Coladosen beliefert wird. „Die werden in ein extra dafür erstelltes Häuschen gebracht.“
Die meisten Reitersleute dürften Frank Henning aus den Autohäusern Deutschlands kennen, vom Mercedes-Benz-Reiter Forum. Vor 17 Jahren hatte er die Idee, Profis und Spitzensportler vor Publikum erzählen zu lassen. Dabei erzählt der braungebrannte Mann – er sagt, es sei „der Rost“ – mit Maßanzug und Einstecktüchlein selbst so gerne. Richtig wichtig ist ihm, dass „sich Menschen mit Intelligenz Gedanken ums Pferd machen“, seine Philosophie.
Warum Gedanken ums Pferd? Weil er Pferde liebt. Er imitiert sogar ein brubbelndes Wiehern mit gespitzten und wackelnden Lippen im Stall – solange bis sein „Lieblingsmorgenschmusepferd“ Hohenlohe von Hohenstein zurückwiehert. Im Duett sozusagen. „Dabei war der Wallach am Anfang so schüchtern“, erzählt Henning. Mit viel Liebe hat er ihn gepäppelt. „Jetzt wiehert er 600 Mal am Tag, wenn er mich hört! Erkennt mein Auto!“ Henning liebt Übertreibung – möchte man meinen. Apropos Autos, die nächste Geschichte von Henning. Bentleys liebt er, sagt er. Wegen des Designs. Das Auto, das Hohenlohe erkennt, ist groß und trägt vorne einen Stern. Understatement ist Hennings zweiter Name: „Eigentlich fahren sich die Autos alle gleich. Und sehen kann ich sie nicht mal, wenn ich drinnen sitze.“

"Ich bin engagiert, also sage ich die Wahrheit",
meint Henning über seine Art, Reiter auszubilden.
Er denkt: "Als Trainer ist man immer verhasst,
weil es nur gut oder schlecht gibt." Aber Hennings
können damit umgehen. So schlendern sie mit
Hohenlohe über den Römerhof.
Gemeinsam fahren sie auf Turniere, „am liebsten dorthin, wo es schön ist: Wiesbaden, Hamburg…“ Er liebt die Athmosphäre in der Früh, die „weißen Ausstellerzelte im Morgengrauen von Aachen.“ Kein Streit unter Eheleuten? „Früher vielleicht. Inzwischen nicht mehr.“ Früher ist er viel selbst geritten, ebenfalls bis Grand Prix. Heute sitzt er selten im Sattel, läuft lieber von unten mit. Diese Leidenschaft fürs Trainieren hat er „vom Doktor gelernt“, also von Reitmeister Dr. Uwe Schulten-Baumer, von dem Henning nur in höchsten Tönen schwärmt – und sein Motto übernommen hat. In Fleisch und Blut übergegangen ist es: „Immer fünf Meter voraus denken.“ Mit Erfolg, 50 Pferde hat das Dreamteam gemeinsam ausgebildet. Apropos höchste Töne: Rufen Sie Herrn Henning mal an, der singt seinen Namen immer so hübsch, wenn er sich meldet – wenn er gut gelaunt ist. „Wenn ich gut drauf bin, möchte ich mir alles kaufen: Pferde, Flugzeuge, Klamotten, Kunst. Wenn ich schlecht drauf bin, kannste mein Pferd für´n Appel und n´Ei kaufen.“ Kann man natürlich nicht, das sagt er nur so. Gibt zu, dass er ein emotionaler Mensch ist, „mit allen Vor- und Nachteilen.“ Er ist ein Schöngeist.
Heute haben Hennings seit Jahren einen Stalltrakt für sich. Außenfenster, grüne Boxengitter mit goldenen Knaufen drauf. Die Stallgasse sauber wie ein Hotelflur. Die Sattelkammer aufgeräumt. „Nein, ich bin kein Ordnungsfanatiker, aber ich möchte wissen, wo ich was finde.“ Die Hofbesitzerin, Birgit Schneider, ist eine alte Kindergartenfreundin von Henning, „die kennt mich besser als meine Frau“, flüstert er verschämt. Der Stall ist nahe bei der Autobahnauffahrt in die große Welt, aber getarnt im Grünen, ganz nobel neben einem Golfplatz. In nicht einmal fünf Minuten ist er von der neuen Wohnung im Stall – vorher lebten beide in einer 500-Quadratmeter-Villa, aber 20 Kilometer weiter weg. „Zu weit, für mal eben in den Stall zu fahren. Die Nähe jetzt ist unbezahlbar. Wenn ich morgens um halb sieben als erster Mensch im Stall bin, ist das toll für mein Seelenheil.“ Und erzählt verzückt, wie dann sogar noch die Rehe über den Dressurplatz hüpfen. Dann ist Frank Henning glücklich. Kommt von einer Geschichte auf die nächste. Und strahlt übers ganze Gesicht.
Genau wie jetzt, als Christina Henning die schwarze Stute Harmonie reitet. Ebenfalls ein Hohenstein-Nachkomme. Harmonie haben Hennings in Ungarn entdeckt. „Verwurmt und abgemagert“, aber Frank Henning hat damals fast im Vorbeigehen ein oder zwei gute Tritte gesehen. Seitdem glaubt er an die Schwarze. Da wurmt es ihn insgeheim, dass er immer mehr als Reiter Forums-Mann wahrgenommen wird denn als Ausbilder. Und Pferdeentdecker. Letztes Jahr hat zum ersten Mal eines seiner Pferde das Bundeschampionat gewonnen: Santorini.

Moderner Purismus in der Sattelkammer, Purismus
im Kühlschrank - nichts als rote Dosen. Den
Limogeschmack fand Wallach Hohenlohe von
Hohenstein wieder an den Henningschen beim
Schmusen. "AUA!" - Die Liebe zu dem Dunkelbraunen
trübt´s nicht.
Apropos Schrank – die Zeilen werden weniger und es ist noch so viel Henning übrig: Wussten Sie, dass er einen begehbaren Kleiderschrank hat? „Er“, stöhnt Christina Henning auf die Frage, wer lieber shoppt. Die Ladenbesitzer von der Kö´ rufen an, wenn Cashmerepullis im Sonderangebot sind. Für seine Freunde ist er immer da, sponsort, wenn Not am Mann ist. Kurios: Im Garten steht ein Engel ohne Kopf. „Das sieht angestrahlt in der Nacht toll aus.“ Künstlerisch: Seine expressionistischen Bilder des Belgiers Andre van Schulenberg. Kois schwimmen im Gartenteich. Früher liebte Henning Jugendstil, jetzt sieht die Wohnung nach Bauhaus aus … Die Geschichten sind noch nicht zu Ende.
Cornelia Höchstetter
Vita
Sternzeichen: Wassermann
Geburtsdatum: damit kokettiert er, also unbekannt.
Motto: „Keine Rücksicht auf Einzelschicksale“ und „immer mit Engagement etwas tun“
Das Reiterleben: Opa und Vater hatten schon Pferde, Frank Henning ist schon als Junge Dressur geritten, hat gelernt beim heutigen rheinischen Landestrainer Jan Nivelle und beim spanischen Nationaltrainer Jean Bemelmans – „in Augenhöhe“, wie Henning sagt; bei Dr. Uwe Schulten-Baumer hat er gelernt, „Pferde zu entwickeln“, diese Art mit Pferden zu arbeiten hat Henning verinnerlicht. Reitet selbst Dressur bis Grand Prix, heute ist er hauptsächlich Ausbilder, hat mit seiner Frau Christina 50 Pferde ausgebildet.
Beruf: nach der Banklehre Studium der Betriebswissenschaft (eigentlich wollte er Kunst und Literatur studieren), später im Unternehmen des Vaters, zu dem einige Autohäuser gehörten, nach dem Verkauf des Unternehmens selbstständig seit 1992 mit Henning Marketing, Unternehmensberatung für die Autoindustrie. Erfinder des Reiter Forums und der Reihe „Die alten Meister“, was heute sein „Hauptjob“ ist.
